Nachhaltige evolutionäre Unternehmensgedächtnisse: Methoden und Effekte von Managed Forgetting für die administrative Wissensarbeit

2016 - 2019: Sustaining Grass-roots Organizational Memories: Foundations and Methods of Managed Forgetting for Knowledge Workers

Worum geht es in diesem Projekt?

In der ersten Phase des Projekts wurden große Fortschritte in der interdisziplinären Erforschung des Konzepts des Managed Forgetting für Unternehmensgedächtnisse für die Assistenz der Wissensarbeit gemacht. In Phase 2 wird das Konzept des Managed Forgetting weiterentwickelt mit Schwerpunkt auf der Anwendung im Unternehmensumfeld administrativer Bereiche. Dazu werden die organisatorischen Rahmenbedingungen untersucht und deren Implikationen bei der Einführung des Managed Forgetting für Informations- und Wissensarbeiter in administrativen Szenarien.

Weiterhin verfolgen wir die Entwicklung eines gemeinsamen Modells des menschlichen und digitalen Vergessens für ein tieferes Verständnis der zugrundeliegenden kognitiven Prozesse. In den interdiszipilären Experimenten werden wir auch das bildgebende Verfahren der functional near-infrared spectroscopy (fNIRS) zur Messung kognitiver Belastung einsetzen. Von diesen Erkenntnissen erwarten wir Beiträge für eine erfolgreiche Integration von vergessenden Informationssystemen in die Arbeitsprozesse von Informations- und Wissensarbeitern und für kognitiv-bewusste Methoden des Vergessens.


Was sind die bisherigen Ergebnisse des Projektes?

Grundlagen des Managed Forgetting: Die Idee von Inhalten, die vom Benutzer „absinken“, wenn sie an Relevanz verlieren und wieder „aufsteigen“, wenn diese (wieder) an Relevanz gewinnen („Memory Buoyancy“, MB), wurde bzgl. der Berechnung der MB verbessert durch Methoden des maschinellen Lernens und die Einbeziehung des Nutzerkontextes.
- Untersuchung relevanter Muster und Merkmale für diese MB-Bewertung sowie verschiedener Arten von Inhalten (z.B. Bilder, Social Media, Foren).
- Die interdisziplinäre Forschung führte zu der neuartigen Idee der Übertragung des kognitionswissenschaftlichen Konzepts der Inhibition in informationstechnische Ansätze (insbesondere in Methoden des Vergessens) und zur zentralen Rolle des Kontexts für das Managed Forgetting. Inhibition hier als zeitliches Vergessen/ Unterdrücken von Information zur besseren Fokussierung in unterschiedlichen Arbeitskontexten.

Verschiedene vergessende Methoden & Implementierungen basierend auf unserem Ansatz des Managed Forgetting
- Reorganisation, zeitliches Ausblenden, Zusammenfassen, Verdichten und vergessende Suche
- Methoden des maschinellen Lernens, um wichtige Muster des digitalen Vergessens zu identifizieren, um zu lernen, was man vergessen und woran man sich erinnern soll sowie um automatisch die Werte der Memory Buoyancy zu bewerten
- Erwartungsorientierte Fotoauswahl aus persönlichen Sammlungen
Selbstorganisierende, kontextbewusste Assistenz in einem vergessenden Informationssystem - cSpaces
- Corporate Memory CoMem & Semantic Desktop als prototypische Systeme, die in der täglichen Arbeit am DFKI eingesetzt werden und es uns ermöglichen, Vergessens-Mechanismen zu erfahren und zu erforschen
- CoMem (noch ohne die Vergessens-Mechanismen) wird als Pilot beim Energieversorger enviaM eingesetzt, damit ist der Industriepartner bereit für den experimentellen Einsatz in Phase II

Aus den Nutzerstudien konnten wir bislang ableiten

Effekte des digitalen Vergessens
-> Nutzeneffekt einer vorgegebenen Relevanzeinteilung von Arbeitsinhalten
-> Irrelevante und irreführende Information stören bei eigentlicher Problemlöseaufgabe gleichermaßen wenn als störend bekannt
-> Irreführende Information stören besonders stark, wenn nicht bekannt ist, ob sie störend sind & sie dadurch aktiv verarbeitet werden müssen

Cognitive Offloading/ Saving-enhanced Memory: Speichern verbessert die kognitive Performanz im Allgemeinen
-> Nach dem Speichern werden mehr Matheproblemlöseaufgaben gelöst. Bedeutet, die Nutzung externer Speicher setzt kognitive Ressourcen frei
-> Die Semantic Desktop Assistenz-Sidebar ermöglicht Cognitive Offloading: Erlaubt temporäres Vergessen von irrelevanten Informationen & die Konzentration auf relevante Aufgaben und Unterstützung beim Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben

Kontextwechsel: durch das Erfassen von Nutzeraktivitäten, des Arbeitskontexts und der darauf basierenden Reorganisation der Semantic Desktop Assistenz-Sidebar vereinfacht diese die Wiederaufnahme einer Aufgabe


Was sind weitere Ziele des Projektes?

In Phase II adressieren wir die folgenden Ziele:

1. Untersuchung der Auswirkungen der organisatorischen Rahmenbedingungen bei der Einführung des Managed Forgetting für Informations- und Wissensarbeiter in administrativen Szenarien; dazu gehören Aspekte wie rechtliche und organisatorische Einschränkungen für das Managed Forgetting und das Bootstrapping mit Memory Buoyancy.

2. Erweiterung der Methoden für eine vielschichtige Bestimmung der Informationswerte (Memory Buoyancy) entlang der Dimensionen Kontext, Zeit und Interaktion; dies schließt die Berücksichtigung verschiedener Arten von persönlichen, geteilten und organisatorischen Kontexten, deren Interaktion sowie mittel- und langfristige Aspekte des Managed Forgetting ein.

3. Untersuchung der Auswirkungen der Einbeziehung kognitiver Prinzipien des saving-enhanced Memory, des gerichteten Vergessens und des abrufinduzierten Vergessens in den Semantic Desktop (auf die kognitive Leistung der Nutzer).

4. Entwicklung fortgeschrittener „vergessender“ Informationszugriffsmethoden für ein sich entwickelndes Unternehmensgedächtnis, die die Idee der Informationsaggregation, der inhibitorischen Mechanismen und des Kontexts umfassen.

5. Untersuchung der Auswirkungen des Managed Forgetting auf den Benutzer, welche empirische Tests, Benutzerstudien in Unternehmen und die Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen menschlichem Vergessen und digitalem Vergessen in einem gemeinsamen Modell einschließt.


Wie können Organisationen die Ergebnisse nutzen?

Alle Forschung, Experimente und Erkenntnisse werden in vergessende Methoden sowie in unsere Corporate Memory-Infrastruktur CoMem - als wissensbasiertes System, das den Semantic Desktop als eine methodische wie auch technologische Säule beinhaltet - übertragen, um die Unterstützung der Wissensarbeit in die täglichen Aktivitäten der Nutzer in Unternehmen auf deren Desktop einzubetten.

Daher können Organisationen selbst Erfahrungen mit Managed Forgetting und Selbstorganisation machen, z.B. in Studien, in denen wir auf der Grundlage der oben genannten Ergebnisse und Erkenntnisse neue Methoden zur Unterstützung der Informations- und Wissensarbeit, die auf diesen neuen Technologien basieren, schrittweise verbessern oder einführen.

Beispielsweise hat enviaM bereits ein CoMem-Piloten und wird gemeinsam mit uns die organisatorischen Rahmenbedingungen des Managed Forgetting untersuchen, insbesondere durch die Teilnahme an Anwenderstudien in realen Szenarien, in denen der Pilot derzeit eingesetzt wird. 



Projektteam


Dr. Niederée, Claudia Forschungszentrum L3S Antragstellerin ResearchGate
Google Scholar
niederee@l3s.de
Nguyen, Thi Huyen, PhD Candidate Forschungszentrum L3S Google Scholar nguyen@l3s.de

Prof. Dr. Dengel, Andreas Fachbereich Informatik Antragsteller ORCID
ResearchGate
Google Scholar
Andreas.Dengel@dfki.de
Dr. Maus, Heiko Fachbereich Informatik ResearchGate
Google Scholar
Heiko.Maus@dfki.de
Jilek, Christian, Dipl.-Wirtsch.-Ing. Fachbereich Informatik ResearchGate
Google Scholar
christian.jilek@dfki.de


Prof. Dr. Frings, Christian Fach Psychologie Antragsteller ORCID
ResearchGate
weiland@uni-trier.de
PD Dr. Tempel, Tobias Fach Psychologie Antragsteller ORCID
ResearchGate
Google Scholar
tobias.tempel@ph-ludwigsburg.de
Runge, Yannick, M.Sc Fach Psychologie ORCID
ResearchGate
runge@uni-trier.de

Ehemalige Mitarbeiter/-innen

Ceroni, Andrea, M. Eng. ORCID
ResearchGate
Google Scholar

Poster


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