Fachtagung der Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der deutschen Gesellschaft für Psychologie

Bei der diesjährigen 10. Tagung der Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Dresden, unter dem Motto „Human Performance in Socio-Technical Systems“, haben vier Projekte aus dem SPP 1921 ihre Forschung vorgestellt.
Frau Prof. Dr. Annette Kluge von der Ruhr-Universität Bochum moderierte das Symposium.

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Prof. Dr. Annette Kluge von der Ruhr-Universität Bochum



„AdaptPRO – Adaptive Prozess- und Rollengestaltung in Organisationen: Spezialisierung, Systemresistenz und Informationskapazität“

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Dr. Anna-Sophie Ulfert von der Universität Trier


Aus dem Projekt „AdaptPRO – Adaptive Prozess- und Rollengestaltung in Organisationen: Spezialisierung, Systemresistenz und Informationskapazität“ berichtete Frau Dr. Anna-Sophie Ulfert von der Universität Trier. Die Referentin erklärte zunächst den Unterschied zwischen Generalisierung und Spezialisierung von Rollen in Organisationen. Bei Generalistensystemen besteht ein hohes Maß an gemeinsam geteiltem Wissen, bei Spezialistensystemen ist das Wissen durch individuelle Expertisebereiche auf die unterschiedlichen Personen verteilt – nicht alle Teammitglieder müssen alle relevanten Wissensaspekte speichern – sie können „vergessen“. Durch Unterschiede in der Verteilung von Wissen und Rollen stellen sich verschiedene Herausforderungen und Anpassungsbedarfe, wie beispielsweise bei internen Einflüssen durch Personalausfall oder externen Einflüssen, wie einer veränderten Nachfrage. Die beschriebenen Unterschiede und Herausforderungen haben zudem Effekte auf die Performanz des Teams, speziell auf die Informationskapazität, die Systemeffizienz, die Systemkapazität und den Affekt.

In einer ersten Studie wurde ein arbeitsanalytisches Interviewverfahren entwickelt und die Frage untersucht, wie Rollen und Prozesse in Organisationen gestaltet werden und was die Auswirkung der Rollengestaltung auf die Informationskapazität und die Performanz eines Teams sind. Um die Auswirkungen von Rollen und Prozessen in Organisationen weiter zu untersuchen, sollen im Rahmen des Projektes AdaptPRO zusätzlich auch Laborexperimente mit Teams und Agentensimulationen durchgeführt werden.

Im nächsten Schritt soll zunächst in einem Experiment der Frage nachgegangen werden, wie sich die Rollenverteilung in Teams, auf die Teamleistung und Informationskapazität auswirkt. Es wird davon ausgegangen, dass Spezialistenteams im Regelfall weniger Ressourcen benötigen um Wissensregeln zu erlernen und zu wiederholen. Beim Auftreten von Störungen (im Speziellen bei Personalausfall) ist jedoch anzunehmen, dass Generalistenteams adaptiver sind, da weniger Ressourcen benötigt werden, um neue Prozesse zu erlernen. In einem weiteren Schritt sollen die Annahmen in einer Agentensiumulation überprüft werden. Es wird dabei untersucht, wie Rollen in Teams adaptiert werden können, um die beste Leistung zu erreichen und Effizienz zu steigern.

Zusammen mit den Tadempartnern der Wirtschaftsinformatik sollen die experimentellen Szenarien simuliert werden. Dazu wurde zunächst mit einem Job-shop-scheduling Szenario gearbeitet, in dem ein aus der Logistik stammendes Problem zur Aufgabenverteilung gelöst wird. In dem Szenario können Maschinen einer Fabrik unterschiedliche Aufgaben zugewiesen werden. Die Maschinen sind in der Simulation in Form von Agenten umgesetzt, was es ermöglicht unterschiedliche Konstellationen der Wissensverteilung zu testen. Die Simulation zeigte, dass die Produktionsleistung durch Spezialisierung gesteigert werden konnte und dass mit zunehmender Aufgabenüberschneidung die Effizienz abnimmt. Zukünftig soll untersucht werden, wie sich die unterschiedlichen Systeme beim Auftreten von Störungen verhalten.




„Intentionales Vergessen am Arbeitsplatz: Eine Critical Incident Untersuchung“

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Prof. Dr. Cornelia Niessen von der Universität Erlangen-Nürnberg

Prof. Dr. Cornelia Niessen von der Universität Erlangen-Nürnberg aus dem Projekt „Dare2Del“ (Tandemprojekt FAU-Erlangen Nürnberg (Psychologie: Cornelia Niessen und Kyra Göbel) und Universität Bamberg (Informatik: Ute Schmid und Michael Siebers)) gab einen Einblick in „Intentionales Vergessen am Arbeitsplatz: Eine Critical Incident Untersuchung“. In ihrem Vortrag stellte sie die Ziele des Projektes „Dare2Del“ vor. Im Rahmen des Projektes soll ein Assistenzsystem entwickelt werden, das Personen in ihrem Arbeitskontext dabei unterstützt, irrelevante Informationen auszublenden oder zu vergessen. Dadurch soll eine bessere Fokussierung und Aufmerksamkeit auf die relevanten Aufgaben möglich sein und das Wohlbefunden sowie die Performanz erhöht werden. Dabei werden menschliche kognitive Strategien des Vergessens als Vorbild genommen. In dem Forschungsprojekt soll unter anderem den Fragen nachgegangen werden, welche Rolle intentionales Vergessen im Arbeitsalltag spielt, welche Faktoren dieses intentionale Vergessen fördern oder behindern können, und wie kurz- und langfristiges Vergessen unterstützt werden kann.

Die Referentin stellte die Voruntersuchung zu den geplanten Laboruntersuchungen und Experimenten, die im Rahmen des Projektes Dare2Del stattfinden sollen, vor. Bei der Voruntersuchung, die mittels Critical Incident Technique durchgeführt wurde, wurde der Frage nachgegangen, was Personen kurz- oder langfristig in ihrem Arbeitsalltag vergessen und warum. Bei der Critical Incident Technique handelt es sich um eine induktive Methode zur Erhebung und Analyse von Erfahrungen. Basierend auf den Ergebnissen, wurde ein Kategoriensystem entwickelt, welches die Inhalte, Motivation und Bedingungen von Intentionalem Vergessen oder Ausblenden beschreibt. Auf der Grundlage des Kategoriensystems wurde ein Rahmenmodell zum intentionalem Vergessen im Arbeitskontext entwickelt. Die Ergebnisse der Voruntersuchung zeigen, dass eine Intrusion durch störende Gedanken nicht zwangsläufig dazu führt diese Gedanken zu vergessen oder auszublenden, sondern dass dieser Vorgang von einer Reihe an moderierenden Faktoren abhängt. Diese Faktoren können beispielsweise Arbeitsfaktoren wie Zeitdruck oder Arbeitslast sein, Aufgabenmerkmale wie Komplexität oder Wichtigkeit, oder Personenmerkmale wie Leistungsmotivation oder Selbstwert. Im weiteren Verlauf des Projektes soll nun der Frage nachgegangen werden, welche Arbeitsbedingungen und personale Faktoren intentionales Vergessen im Arbeitskontext fördern oder behindern.



„Vertrauen in Informationssysteme – Critical Incidents und Modellentwicklung“

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Sarah Meeßen von der Universität Münster

Von den ersten Ergebnissen aus dem Projekt „Getrost Vergessen“ berichtete Sarah Meeßen von der Universität Münster in ihrem Vortrag zu „Vertrauen in Informationssysteme – Critical Incidents und Modellentwicklung“. In dem Forschungsprojekt „Getrost Vergessen“ werden Informationssysteme als eine strukturelle Hilfe für intentionales Vergessen in Organisationen verstanden. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Faktoren das Vertrauen in Informationssysteme, die am Arbeitsplatz entscheidungsrelevante Informationen bereitstellen, fördern bzw. hemmen und somit intentionales Vergessen in Organisationen beeinflussen. In einer ersten Studie wurden zunächst kritische Ereignisse für das Vertrauen und Misstrauen in Informationssysteme identifiziert. In einer zweiten Studie wurden die Interviewergebnisse aus der ersten Studie daraufhin quantitativ validiert. Sarah Meeßen erklärte, dass die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass die Zuverlässigkeit des Informationssystems sowie auch die Glaubwürdigkeit der bereitgestellten Informationen eine vertrauensvolle Nutzung von Informationssystemen fördern. Andere Faktoren wie beispielsweise die Existenz eines Supports während der Nutzung können ebenfalls die vertrauensvolle Nutzung von Informationssystemen beeinflussen. Die vertrauensvolle Nutzung von Informationssystemen ist wichtig, da diese einen weniger belastenden Arbeitskontext begünstigen können.

Von den ersten Ergebnissen aus dem Projekt „Getrost Vergessen“ berichtete Sarah Meeßen von der Universität Münster in ihrem Vortrag zu „Vertrauen in Informationssysteme – Critical Incidents und Modellentwicklung“. In dem Forschungsprojekt „Getrost Vergessen“ werden Informationssysteme als eine strukturelle Hilfe für intentionales Vergessen in Organisationen verstanden. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Faktoren das Vertrauen in Informationssysteme, die am Arbeitsplatz entscheidungsrelevante Informationen bereitstellen, fördern bzw. hemmen und somit intentionales Vergessen in Organisationen beeinflussen. In einer ersten Studie wurden zunächst kritische Ereignisse für das Vertrauen und Misstrauen in Informationssysteme identifiziert. In einer zweiten Studie wurden die Interviewergebnisse aus der ersten Studie daraufhin quantitativ validiert. Sarah Meeßen erklärte, dass die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass die Zuverlässigkeit des Informationssystems sowie auch die Glaubwürdigkeit der bereitgestellten Informationen eine vertrauensvolle Nutzung von Informationssystemen fördern. Andere Faktoren wie beispielsweise die Existenz eines Supports während der Nutzung können ebenfalls die vertrauensvolle Nutzung von Informationssystemen beeinflussen. Die vertrauensvolle Nutzung von Informationssystemen ist wichtig, da diese einen weniger belastenden Arbeitskontext begünstigen können.


„Extinction versus Replacement: wird intentionales Vergessen in Gruppen durch den Austausch eines Mitglieds beschleunigt?“

Arnulf Schüffler
Arnulf Schüffler von der Ruhr-Universität Bochum

Arnulf Schüffler von der Ruhr-Universität Bochum stellte die ersten Ergebnisse aus dem Projekt „Intentional Forgetting, Routines & Retrieval Cues“ vor. In seinem Vortrag zum Thema „Extinction versus Replacement: wird intentionales Vergessen in Gruppen durch den Austausch eines Mitglieds beschleunigt?“ zeigte er auf, wie die Anpassungsfähigkeit von Produktionsroutinen zunehmend an Bedeutung gewinnt. „Hierbei müssen alte Routinen vergessen werden, um neue Routinen ausführen zu können“, so Arnulf Schüffler. Das Erlernen einer neuen Routine stellt in diesem Kontext eine besondere Herausforderung dar. Routinen sind hochgradig trainiert und überlernt und werden in der Produktion nicht nur von einer Person ausgeführt, sondern häufig von mehreren Personen in Gruppen. Beim Erlernen einer Routine werden bestimmte Gedächtniselemente mit Hinweisreizen (Retrieval Cues) assoziiert. Das Vergessen eines bestimmten Inhaltes findet dann statt, wenn die Assoziation zwischen Hinweisreiz und Gedächtniselement verlernt, der Hinweisreiz entfernt wird oder weitere Gedächtniselemente mit dem Hinweisreiz assoziiert werden. Darauf aufbauend führt jeder Abruf eines Gedächtniselements zur Steigerung seiner Wiederauffindungsstärke und jeder Abruf eines anderen Gedächtniselements zu einer Schwächung der Wiederauffindungsstärke des nicht abgerufenen Elements. In dem Forschungsprojekt soll der Frage nachgegangen werden, auf welche Weise Vergessen in arbeitsteiligen, geschäftsbezogenen Prozessen stattfindet. Zudem soll untersucht werden, welche Wirkung das Entfernen von Retrieval Cues auf das Vergessen von Routinen auf Gruppenebene hat und ob hier Unterschiede zwischen verschiedenen Cue-Kategorien bestehen. In den Experimenten die im Rahmen des Forschungsprojektes durchgeführt werden, wird ein Produktionsprozess, dem ein real existierender Prozess eines Unternehmens zu Grunde liegt, nachempfunden. Die Versuchspersonen er- und überlernen eine bestimme erste Routine, die Teil des Produktionsprozesses ist. Im nächsten Schritt wird diese Routine verändert und die Versuchspersonen müssen die veränderte Routine erlernen und die erste Routine vergessen.
Die Experimente finden im Anwendungszentrum Industrie 4.0 (AZI 4.0) des Lehrstuhls Wirtschaftsinformatik der Universität Potsdam statt. Unterstützt wird das Training und Überlernen der ersten Routine durch ein App-Training, jeweils 7 und 14 Tage nach dem ersten Aufenthalt im Lernlabor. Am 21. Tag des Experiments kehren die TeilnehmerInnen wieder zurück in das AZI 4.0 und werden mit der Veränderung der Routine konfrontiert.
Um in einer ersten Versuchsreihe zu untersuchen, ob die Gruppenmitglieder selbst ein Cue für die jeweilige Routine sind, wird bei der Hälfte der Gruppen ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin im zweiten Labortermin ausgetauscht. Erste Ergebnisse der Pre-Tests zeigen, dass Gruppen in denen ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin ausgetauscht wurden unter Anwendung der angepassten Routine schneller produzieren als Gruppen, in denen keine Teilnehmenden ausgetauscht wurden.